Ein Spieleabend mit Folgen
Vier Heldinnen und Helden, ein Spielplan voller Räume, Gänge und Türen, eine Handvoll Würfel – und ein Spielleiter, der hinter seinem Schirm genau weiß, was hinter der nächsten Tür lauert. HeroQuest kam Ende der 80er auf den Markt und hat eine ganze Generation geprägt. Letztes Wochenende lag es wieder bei uns am Tisch: Goblins, eine Mumie, ein paar Charakterpässe, Bleistifte, ein Krug Minzwasser.
Irgendwann zwischen zwei Würfelwürfen habe ich gemerkt: Was hier passiert, sehe ich jede Woche in Teams. Nur dass am Spieltisch niemand so tut, als ginge es um etwas anderes.
HeroQuest ist kooperativ. Die Helden gewinnen gemeinsam oder gar nicht. Und genau deshalb ist es ein erstaunlich ehrliches Labor für Teamarbeit und Strategie.
1. Keiner kann alles – und das ist gewollt
Jede Figur bringt ein eigenes Profil mit. Der Barbar schlägt am härtesten zu. Der Zwerg kann Fallen entschärfen. Die Elfe verbindet Kampf und Magie. Der Zauberer hat die mächtigsten Sprüche, hält aber kaum etwas aus.
Wer versucht, mit dem Zauberer den Barbaren zu spielen, verliert. Wer den Barbaren allein vorausschickt, auch. Erfolgreich wird die Gruppe erst, wenn sie die Stärken bewusst einsetzt und die Schwächen gegenseitig abdeckt.
Im Unternehmen ist das nicht anders. Teams scheitern selten daran, dass jemand „zu wenig kann“. Sie scheitern daran, dass Rollen unklar sind, dass alle dasselbe machen wollen oder dass die leise Stärke eines Teammitglieds nie abgerufen wird. Die Frage lautet also nicht: Wer ist der Beste? Sondern: Wer ist wofür der Richtige?
2. Strategie trifft Zufall
In HeroQuest sieht man den Plan nie ganz. Räume werden erst aufgedeckt, wenn man sie betritt. Hinter einer Tür kann eine Schatzkiste stehen – oder drei Orks. Und am Ende entscheiden trotzdem die Würfel.
Gute Gruppen reagieren darauf nicht mit Chaos, sondern mit einer klaren Haltung: Wir haben ein Ziel, wir planen die nächsten zwei, drei Züge, und wir passen an, sobald wir mehr wissen. Wer jeden Zug bis ins Letzte durchrechnen will, blockiert das Spiel. Wer gar nicht plant, läuft in die erste Falle.
Das ist Strategie unter Unsicherheit – genau die Situation, in der sich viele Organisationen gerade befinden. Zahlen, Budgets und Prognosen geben Orientierung. Aber die entscheidende Fähigkeit ist, gemeinsam neu zu bewerten, wenn eine Tür aufgeht, mit der niemand gerechnet hat.
3. Reden, bevor man die Tür öffnet
Die spannendsten Momente am Tisch sind nicht die Kämpfe, sondern die kurzen Absprachen davor: „Gehst du zuerst rein? Ich bleib hinten und heile.“ – „Hat noch wer einen Heiltrank?“ – „Warte, lass den Zwerg erst nach Fallen suchen.“
Drei Dinge fallen dabei auf:
- Informationen werden geteilt. Wer etwas gesehen hat, sagt es – sofort, nicht erst in der Nachbesprechung.
- Ressourcen gehören der Gruppe. Ein Heiltrank im eigenen Rucksack nützt nichts, wenn die Mitspielerin gerade umfällt.
- Der Erfolg ist gemeinsam. Niemand gewinnt HeroQuest allein. Punkte sammeln auf Kosten der anderen führt direkt ins Verderben.
In Teams sehe ich oft das Gegenteil: Wissen wird gehortet, Budgets werden verteidigt, Erfolge individuell verbucht. Das Spiel zeigt ganz nebenbei, wie viel Energie frei wird, wenn eine Gruppe wirklich ein gemeinsames Ziel hat.
4. Und die Führung? Sitzt hinter dem Schirm
Eine Person spielt in HeroQuest nicht mit den Helden, sondern leitet das Spiel. Sie kennt die Karte, setzt die Monster, hält die Spannung. Ein guter Spielleiter will die Gruppe nicht vernichten. Er will, dass sie gefordert wird, wächst und am Ende mit einer Geschichte nach Hause geht.
Das ist für mich ein schönes Bild für Führung: den Rahmen setzen, Herausforderungen dosieren, Informationen zur richtigen Zeit freigeben – und die Gruppe ihre eigenen Entscheidungen treffen lassen. Wer als Führungskraft jeden Zug selbst spielen will, nimmt dem Team genau das, was es stark macht.
Was Teams vom Spieltisch mitnehmen können
Fünf Fragen, die sich jedes Team stellen kann – ganz ohne Würfel:
- Kennen wir die Stärken jeder Person im Team – und setzen wir sie bewusst ein?
- Haben wir ein gemeinsames Ziel, das wichtiger ist als der Einzelerfolg?
- Teilen wir Informationen, sobald wir sie haben?
- Planen wir so weit wie nötig – und passen wir an, wenn sich die Lage ändert?
- Gibt Führung bei uns den Rahmen vor, oder spielt sie jeden Zug selbst?
In meiner Arbeit mit Teams geht es oft genau um diese Fragen. Manchmal mit Zahlen und Kennzahlen, manchmal mit Methoden aus der Teamentwicklung – und manchmal hilft ein Blick auf einen Spieltisch mehr als jede Folie.
Wenn Sie Ihr Team einmal von außen betrachten möchten: Melden Sie sich gerne bei mir.
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