Saubere Daten sind die halbe Miete. Die andere Hälfte entscheidet sich in der Darstellung.
Quelle: Generiert mit ChatGPT
Im letzten Artikel ging es um Datenbasis: keine sauberen Zahlen, kein brauchbares Reporting, egal wie schön das Tool ist. Diesmal die Fortsetzung – für den Fall, dass die Daten bereits stimmen und das Reporting trotzdem nicht ankommt.
Ein Teilnehmer in einem meiner Storytelling-Seminare hat mir sein Reporting-Deck gezeigt: makellose Datenbasis, jede Zahl geprüft, jede Kennzahl sauber definiert. Und trotzdem saß die Geschäftsführung im Meeting und hat die Kernaussage nicht verstanden. Auf der Folie: ein 3D-Kreisdiagramm mit neun Segmenten in neun ähnlichen Blautönen.
Die Zahlen waren richtig. Die Darstellung hat sie unsichtbar gemacht.
Ein Diagramm ist keine Dekoration – es ist eine Behauptung
Cole Nussbaumer Knaflic bringt es in „Storytelling mit Daten" auf einen Punkt, der in der Praxis viel zu selten ernst genommen wird: Jede Diagrammform trifft implizit eine Aussage darüber, was wichtig ist. Ein Kreisdiagramm behauptet „Anteile am Ganzen zählen hier". Eine Linie behauptet „der Verlauf über Zeit ist die Botschaft". Ein Balkendiagramm behauptet „der Vergleich zwischen Kategorien ist entscheidend".
Wählt man die Form, ohne sich das bewusst zu machen, behauptet die Folie oft etwas anderes, als man eigentlich sagen wollte. Neun Segmente in einem Kreis behaupten „alle neun sind ungefähr gleich wichtig, vergleichen Sie selbst". Wenn die eigentliche Botschaft aber lautet „ein einziges Segment ist doppelt so groß wie der Rest", dann arbeitet die Diagrammform aktiv gegen die eigene Aussage.
Warum das Auge nicht neutral schaut
Ein Kernprinzip aus der Wahrnehmungsforschung, das Knaflic für die Praxis übersetzt: Manche visuellen Eigenschaften werden vom Gehirn verarbeitet, bevor bewusstes Nachdenken überhaupt einsetzt – Farbe, Größe, Position, Fettdruck. Man nennt sie "preattentive attributes". Das Auge springt automatisch dorthin, ohne dass man es steuern muss.
Das lässt sich gezielt nutzen: Eine einzige Balken in Orange oder der CI-Farbe, der Rest in dezentem Grau. Der Blick landet dort, wo die Botschaft sitzt, ganz ohne Erklärung. Es lässt sich aber auch komplett verschenken: Wenn alle neun Kreissegmente in ähnlichen Blautönen gehalten sind, gibt es für das Auge keinen Ankerpunkt. Es muss aktiv suchen, statt geführt zu werden. Genau das ist im Meeting passiert, niemand hat „gesehen", welches Segment zählt, weil die Farbwahl allen dieselbe Wichtigkeit zugesprochen hat. Das kann oft ein Problem sein, dass in den Farben liegt, die vorgegeben sind.
Clutter: alles, was nicht zur Botschaft beiträgt
Quelle: Generiert mit ChatGPT
Der zweite Baustein aus Knaflics Ansatz, der sich in der Praxis am schnellsten auszahlt: Clutter reduzieren. Gemeint ist alles, was auf einer Folie Aufmerksamkeit bindet, ohne zur Aussage beizutragen. Das sind 3D-Effekte, Schatten, überflüssige Gitterlinien, Rahmen um jede einzelne Kachel, Legenden, die man auch direkt an die Datenreihe schreiben könnte.
Der 3D-Effekt im Beispiel von oben hat gleich doppelt geschadet: Er hat nicht nur unnötig abgelenkt, er hat auch die Segmentgrößen optisch verzerrt. Warum? Vordere Segmente wirken größer als hintere, unabhängig vom tatsächlichen Wert. Das Auge wird angelogen, ohne dass die Zahl selbst falsch wäre.
Eine einfache Testfrage für jede Folie: Wenn ich dieses Element entferne, geht dann Information verloren oder nur Dekoration? Bei den meisten 3D-Effekten, Farbverläufen und Schatten lautet die Antwort: nur Dekoration.
Vier Fragen vor dem nächsten Diagramm
Was genau soll die Person nach fünf Sekunden sehen? Wenn Sie das nicht in einem halben Satz beantworten können, ist das Diagramm noch nicht startklar, unabhängig davon, wie sauber die Daten dahinter sind.
Behauptet die gewählte Diagrammform das Richtige? Vergleich zwischen Kategorien: Balken. Entwicklung über Zeit: Linie. Anteile, bei denen wirklich nur zwei oder drei Kategorien zählen: eventuell ein Kreis. Aber Achtung: bei mehr als vier, fünf Segmenten so gut wie nie.
Wohin springt das Auge zuerst und ist das die Stelle, die zählt? Ein bewusst gesetzter Farbakzent lenkt den Blick. Eine gleichmäßig bunte Folie lenkt ihn nirgendwohin.
Was kann ich entfernen, ohne dass Information verloren geht? Jede Gitterlinie, jeder Schatten, jede Legende, die auch anders gelöst werden könnte, ist ein Kandidat.
Die Brücke zum ersten Artikel
„Eine Zahl – eine Botschaft" gilt für den Inhalt. Diese vier Fragen sind dasselbe Prinzip, nur für die Form. Beides zusammen ist die eigentliche Formel: eine geprüfte Datenbasis, die tatsächlich stimmt, kombiniert mit einer Darstellung, die die eine Botschaft auch sichtbar macht, statt sie hinter neun blauen Segmenten zu verstecken.
Quelle: Generiert mit ChatGPT
Wenn Sie das nächste Mal eine Folie bauen, testen Sie sie an einer Person, die den Hintergrund nicht kennt: Was sieht sie zuerst? Wenn die Antwort nicht Ihre Kernbotschaft ist, liegt das selten an der Zahl. Es liegt an der Form, in die Sie sie gegossen haben.
Kommentar hinzufügen
Kommentare